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RECHTSPRECHUNG
Sachverhalt: Der Beschuldigte hat X. ein Auto verkauft, wobei der Kaufpreis vorab geleistet worden ist. Zur versprochenen Fahrzeugübergabe kam es dann aber nicht und der Beschuldigte verkaufte das Fahr zeug an jemand anderen. In strafrechtlicher Hinsicht verneinte die Vorinstanz einen Betrug, weil es am Motivationszusammen hang zwischen dem bei X. hervorgerufenen Irrtum über den Ver tragsleistungswillen des Beschuldigten und seiner Vermögensdis position gefehlt habe. In zivilrechtlicher Hinsicht wertete das Bezirksgericht Bremgarten diesen Sachverhalt als nachträgliche subjektive Unmöglichkeit, welche dem Privatkläger X. einen An spruch auf Schadenersatz gemäss Art. 97 Abs. 1 OR gewähre. In der Folge prüfte sie die Voraussetzungen von Art. 97 OR und be jahte diese. Das OGer AG heisst die vom Beschuldigten erhobene Berufung in diesem Punkt gut. Die Vorinstanz hat dem Privatkläger X. eine Zivilforde rung von CHF 1400.–zugesprochen, obwohl sie den Be schuldigten im damit zusammenhängenden Strafpunkt frei gesprochen hat. […] 5.2.2. Zu prüfen ist indes, ob ein solcher (vertraglicher) An spruch des Privatklägers X. überhaupt dem Adhäsionsver fahren zugänglich ist. Das Bundesgericht hat bislang offen gelassen, ob im Strafverfahren vertragliche Ansprüche oder Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung adhäsions weise geltend gemacht werden können (Urteil des Bundes gerichts 6B_1160/2014 vom 19. August 2015 E. 8.4). Die Lehre ist diesbezüglich gespalten. Einerseits wird die Ansicht vertreten, dass grundsätzlich auch ein vertraglicher Anspruch adhäsionsfähig sei (Mazucchelli/Postizzi, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 8 zu Art. 119 StPO; Lieber, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. Zürich 2014, N. 5a zu Art. 122 StPO; Droese, Die Zivilklage nach der schweizerischen Strafprozessordnung, HAVE 2011, S. 45). Eine andere Lehrmeinung ist demgegenüber gegenteiliger Ansicht (Dolge, in: Basler Kommentar, Schweizerische Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2014, N. 70 zu Art. 122 StPO). Die Mehrheit der Lehre weist auf den offenen Wortlaut von Art. 119 und 122 StPO hin. Der Anspruch müsse zwar aus einem Verhalten abgeleitet werden, das auch strafrecht lich relevant sein könne und deshalb Gegenstand des Straf verfahrens bilde. Eine vollständige Kongruenz zwischen schadensstiftendem Verhalten und strafbarer Handlung sei aber nicht notwendig: Wer beispielsweise bei einer fahrläs sigen Körperverletzung auch noch Sachschaden anrichte, könne dafür adhäsionsweise in Anspruch genommen wer den, auch wenn eine Sachbeschädigung nur bei Vorsatz strafbar sei (vgl. Droese, a. a.O., S. 44). Aus den Erwägungen: […] 5.2 5.2.1.
Nr. 39 Obergericht Aargau, 1. Strafkammer, Entscheid vom 12. November 2015 i. S. J. gegen Staats anwaltschaft MuriBremgarten – SST.2015.156
Art. 122 StPO: zivilrechtliche Ansprüche im Strafver fahren. Art. 122 Abs. 1 StPO bestimmt, dass die geschädigte Person zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat adhä sionsweise geltend machen kann. Erfasst sind nur solche privatrechtlichen Ansprüche, welche sich aus der Straf tat («déduites de l’infraction» bzw. «desunte dal reato») ableiten lassen. Wenn das Gericht den objektiven Tat bestand einer Strafnorm verneint, kann es nicht gleich zeitig die Adhäsionsklage beurteilen und gutheissen. Ad häsionsweise geltend gemachte vertragliche Ansprüche oder Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung sind auf den Zivilweg zu verweisen. (Regeste forum poenale) Art. 122 CPP: articulation de prétentions civiles dans le cadre de la procédure pénale. Dans sa version allemande, l’art. 122 al. 1 CPP dispose que le lésé peut, par adhésion à la procédure pénale, faire valoir des prétentions civiles issues de l’infraction («aus der Straftat»). Seules sont visées les prétentions de droit privé qui sont susceptibles d’être «déduites de l’infrac tion» («desunte dal reato»). Lorsque le tribunal retient que les éléments objectifs constitutifs d’une infraction ne sont pas réalisés, il ne peut simultanément statuer sur l’action civile exercée au pénal et la déclarer bien fondée. La partie plaignante doit être renvoyée à agir par la voie civile pour les prétentions qui découlent du contrat ou qui résultent de l’enrichissement illégitime. (Résumé forumpoenale) Art. 122 CPP: pretese di diritto civile nel procedimento penale. Secondo l’art. 122 cpv. 1 CPP il danneggiato può far va lere in via adesiva nel procedimento penale pretese di diritto civile desunte dal reato. Sono considerate soltanto le pretese di diritto privato che sono suscettibili di essere desunte dal reato («déduites de l’infraction» o «aus der Straftat»). Quando il tribunale ritiene che l’elemento og gettivo di una norma penale non sia adempiuto, esso non può simultaneamente statuire sull’azione civile fatta va lere in via adesiva e accoglierla. Le pretese contrattuali o le pretese derivanti da arricchimento indebito fatte va lere in via adesiva, sono da rinviare al procedimento ci vile. (Regesto forumpoenale)
Hinweis der Schriftleitung: Der Entscheid ist rechtskräftig.
6/2016 forum poenale
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